Statistik im Tennis

Die folgenden Informationen bringen euch zum Staunen, räumen mit Mythen auf und nehmen euch auf eine investigative Reise mit.

Wir starten mit Evonne Goolagong.

Evonne Goolagong

(Ersteller: Evening Standard | Credit: Getty Images)

Am 27. Dezember 2007 wurde ihr nach 31 Jahren nachträglich von der WTA bestätigt, dass sie im Jahr 1976 für zwei Wochen vor Christ Evert die Weltranglisten-Erste war. Es lag ein Rechenfehler vor, der bei einer Neu-Berechnung der bei den Damen im Jahr 1975 eingeführten Computer-Weltrangliste erkannt wurde.

Auf der ATP-Tour hatte Guillermo Vilas bereits Ende der 1970er eine Neuberechnung der bei den Herren bereits im Jahr 1973 eingeführten Computer-Weltrangliste eingefordert, weil es seiner Meinung nach nicht sein konnte, dass Jimmy Connors vor ihm lag.

ATP-Ranking Ende 1975

(ATP-Ranking Ende 1975, Quelle: Netflix, Guillermo Vilas – Settling the Score)

Nachdem der Sport-Journalist Eduardo Puppo von der Richtigstellung bei Evonne Goolagong erfahren hatte, sah er die Zeit reif, für eine nachträgliche Richtigstellung des Rankings von Guillermo Vilas. Im Oktober 2020 veröffentlichte Netflix dazu die Dokumentation Guillermo Vilas – Settling the Score. Eine spannende und einfühlsame Dokumentation. Im Mai 2021 erschien auf Youtube in spanischer Sprache eine vierteilige Dokumentation zu Ehren des leidenschaftlichen Argentiniers – hier der erste Teil:


Vilas hat den Topspin und den Tweener in das Tennis eingeführt.

Tweener 1

(Quelle: Netflix-Doku Guillermo Vilas – Settling the Score)

Tweener 2

(Quelle: Guillermo Vilas)

Vilas
hält bis heute den Rekord mit 16 Turniersiegen in einem Jahr und einer Serie von 46 Siegen in Folge auf allen Belägen im Jahr 1977 – und diese Serie erspielte er in vier Monaten. Nach einem durch Aufgabe verlorenen Finale erspielte sich Vilas umgehend eine weitere Serie von 26 Siegen - hier ein screenshot, der auf einer Wikipedia-Seite geschossen wurde:

Alle Beläge

 

Bei den Damen errang Martina Navratilova 1984 auf allen Belägen mit 74 Siegen in Folge den Rekord. Im Amateurtennis „halten Bill Tilden (98 Siege in Folge zwischen 1924 und 1925) und Suzanne Lenglen (182 Siege in Folge zwischen 1921 und 1926)“ die Rekorde (Barschel 2021: 95); Wikipedia nennt 179 Siege in Folge. Und ein Artikel verweist darauf, dass Lenglen direkt vor der 179er-Serie bereits eine 108er-Serie hatte.

Mein Trainerkollege aus Ettlingen, Philipp Heger, fand meine in 2016/17 veröffentlichte/aktualisierte deutschsprachige Abhandlung, die ihn zu einem Kapitel in seinem in 2019 veröffentlichten Buch Taktik im Tennis inspirierte. Hans Eckner, VDT-Vizepräsident für das Ressort "Lehre und Ausbildung", fand ebenfalls die Abhandlung und lud mich dazu ein, auf der traditionellen VDT-Tagung in Essen am 12. Januar 2020 einen Vortrag zu halten. Die positiven Rückmeldungen nach dem Vortrag - u. a. erhielt ich eine Vortragseinladung für eine VDT-Trainerfortbildung in 2021 - motivierten mich, den längst überfälligen englisch-sprachigen Artikel zu schreiben:

Nebenbei aktualisierte ich erneut die deutschsprachige Abhandlung.
Am 13. November 2021 war dann der zweite VDT-Vortrag.
Nur einen Monat später, am 17. Dezember, veröffentlicht Philipp Heger eine überarbeitete Auflage seines Buches Taktik im Tennis. In der neuen Ausgabe vollzieht er einen Schritt, den er in der ersten Auflage noch nicht zu gehen bereit war.

Warum erzähle ich das so ausführlich ?
Weil sich daran ablesen lässt, auf welche Weise sich ein für den Tennissport geltender Glaubenssatz verändert.

Der weltweit bekannteste Tennis-Statistiker Craig O’Shannessy behauptet aufgrund seiner Auswertung von Daten „Tennis is approximately 70% errors“ (Zitat aus einem Newsletter von Craig). Damit schuf er einen Glaubenssatz, der aufgrund der zugrundeliegenden großen Datenmenge den Anschein einer statistischen Wahrheit mit sich trägt. Entsprechend trug Michael Kohlmann, damaliger und heutiger Davis-Cup-Kapitän des deutschen Herren-Teams, am 7. Januar 2017 beim DTB-Kongress vor,

„…, dass 7 von 10 Punkten mit einem Fehler beendet werden, das, glaube ich, ist eine massive Statistik, dass wirklich nur 3 Winner gespielt werden. Ich hab‘ jetzt 8 Monate mit dem Rudi Molleker gearbeitet; wenn Du dem das sagst, von 10 Punkten werden nur 3 Winner gespielt, der lacht Dich aus. Weil, der hat das Gefühl, er muss 7 Winner spielen, also genau das Gegensätzliche.“

Sein Mit-Vortragender Björn Simon, Chef-Trainer an der Alexander Waske Tennis University und inzwischen auch Chef-Trainer des Hessischen Tennisverbandes, war damals derjenige, der den statistischen Teil des Vortrages verantwortete. Er veröffentlichte 2018 den Artikel Fehler gezielt erzwingen, worin wir lesen können: "Tatsächlich ist Tennis ein Spiel, das auf Fehlern basiert. Vielen Fehlern."
Der Artikel ist eine deutsche Übersetzung und Interpretation der von Craig O’Shannessy beschriebenen 8 WAYS TO FORCE AN ERROR (USTA Alabama), die Craig erstmals am 03.09.2014 auf Twitter erwähnte. Eine interessante Webinar-Aufzeichnung vom 03.04.2020, in der Craig zum Thema What Matters Most To Winning vorträgt, findest Du hier (ab 10:10 anschauen).

Nun komme ich, ein völlig unbedeutender Trainer, und lege dar, dass die Herren O'Shannessy, Kohlmann und Simon mit den oben zitierten Aussagen irren. Rudi Molleker hat Recht.

Allerdings: Für die Referenzgruppe der Freizeit- und Club-Spieler/innen, sieht die Angelegenheit anders aus. Bei uns ist der Anteil der Fehler meist größer als der Anteil der Gewinnschläge. Deshalb ist es eine fruchtbare Strategie, den Ball einfach nur ins Feld zu spielen und auf den Fehler des Anderen zu warten. Je höher das Spielniveau umso mehr ist es notwendig, in der Lage zu sein, selbst Druck zu machen. Um die Entwicklung eines Spielers / einer Spielerin messbar zu machen, ist es sinnvoll, die aggressive margin zu erheben und die Werte über einen längeren Zeitraum zu vergleichen.

Meinen nachbearbeiteten Vortrag vom 13.11.2021 gibt es bald als pdf-Datei zum Download. Parallel dazu wird hier eine Tonspur zur pdf-Datei veröffentlicht werden.

Eine jenseits des Statistik-Themas sehr interessante und spannend erzählte Doku wurde im September 2021 auf Netflix veröffentlicht - es geht um den Druck, den Profi-Tennisspieler/innen ausgesetzt sind. Bei Mardy Fish hat es zu einer schweren Angststörung und Depressionen geführt: Untold: Breaking Point